Geschichte und Geschichten, Neuigkeiten und Bekanntschaften - darum geht es alle zwei Wochen, wenn die SZ zum Ortstermin unterwegs ist. Diesmal war SZ-Redakteur Michael Matthes in Falkenhain, das zu Altenberg gehört.

In Falkenhain geht
vieles gemeinsam
Nachbarschaftshilfe wird groß geschrieben / Gemischte Gefühle zur neuen B170

Von Michael Matthes

Wenn sich die Falkenhainer besinnen, wissen sie wirklich, was sie haben. Sie sind eine sympathische Dorfgemeinde, teilen Freud und Leid, sind hilfsbereit und offen. In den Genuss dieser Eigenschaften kamen in der Vergangenheit vor allem die Touristen. Doch die haben sich rar gemacht im Ort. Schade, finden die Falkenhainer, denn nun ist auch weniger los im Dorf.Dennoch blasen die Bewohner kein Trübsal, verstehen es, die Freuden des Dorflebens auszukosten. Hat jemand Silberhochzeit, rückt das halbe Dorf an. Das jährlichen Feuerwehrfest ist ein kultureller Höhepunkt, an dem alle zusammen kommen. Geselligkeit finden viele Frauen des Ortes beim sportlichen Übungsabend alle zwei Wochen. Gemeinsam haben die Falkenhainer auch eine eigene Wasserleitung gebaut und eine Antennen-

anlage errichtet. Froh sind sie auch, dass der Dresdner Hans John 1995 den Gasthof übernommen hat. In der gemütlichen Gaststube werden Jubiläen gefeiert. Die Feuerwehrleute halten ihre Dienste ab und regelmäßig trifft sich der Ortschaftsrat dort.

Das Für und Wider einer neuen B170

Zänkisch sind sie nicht, die Falkenhainer. Doch wenn es um die neue B 170 geht, herrscht nicht unbedingt Einigkeit im Ort. Eine Variante der Bundesstraße könnte, im östlichen Bogen, nicht all zu weit am Dorf vorbei führen. Manche Bewohner stehen dem Vorhaben positiv gegenüber, hoffen mit dem Bau der Straße wieder mehr Leben in den Ort zu bekommen. Auch sei die Verbindung nach Dresden damit unschlagbar günstig. Eine Investition in die Zukunft, so ihr Gedanke. Andere wiederum glauben, die Straße bringe Lärm, Schmutz und

verschrecke die Touristen eher, anstatt sie anzulocken. Verärgert ist so mancher Dorf-bewohner über die Ungewiss-heit. Man müsse besser informiert werden. Gern hätten die Dorfbewohner mal ein Konzept zum Straßenneubau gesehen, fühlen sich durch Heimlichtuerei an der Nase herum geführt.
Um Falkenhain attraktiver zu gestalten, hat sich der Ort im vergangenen Jahr als Förderdorf beworben. Leider ist daraus nichts geworden. Doch in diesem Jahr versuchen es die Falkenhainer abermals. Die Leute mögen ihren Ort, wollen ihn pflegen. Dafür sind ihnen auch ungewöhnliche Initiativen gerade recht. So geschehen am damals löchrigen Waldweg. Demonstrativ pflanzten die Anwohner Blumentöpfe in die Schlaglöcher und bekamen Aufmerksamkeit und danach einen sanierten Waldweg. Einmal zusammen gekommen, formierten sich aus den Wald-weggärtnern die Kegelbrüder, die sich nun regelmäßig treffen.

Märchenstunde im Kindergarten Falkenhain mit Erzieherin Barbara Walther. In diesem Jahr begeht die Einrichtung ihr 25 jähriges Jubiläum. Foto: SZ/Egbert Kamprath

Briefmarkenhaus gesucht
Sächsisches Bauernhaus hat sich verändert

Als zwei junge Männer aus Berlin 1995 an Bernd Liebschers Haustür klopften, wusste der Elektromeister noch nichts von der Ehre, die ihm und seinem Haus zuteil geworden war. Das Wohnhaus seines Urgroß-vaters sei nämlich als typisch sächsisches Bauernhaus auf einer Briefmarke verewigt, erzählten die Ber-liner. Die Marke gehört zur Serie "Bauernhaus in Deutsch-land", die von der Post zur Wohlfahrtspflege aufgelegt wurde. Eine ganze Weile haben die Berliner nach dem Haus gesucht. Erst die Hinweise der Einwohner gaben Gewissheit. Es ist das Liebscher-Haus. Etwas erschrocken mussten sie feststellen, dass das Gebäude ja gar nicht mehr so aussieht, wie auf dem gezackten Postwertzeichen. "Eigentlich sollte es vor dem Haus eine feierliche Übergabe der Briefmarke an mich geben. Alle möglichen Leute sollten kommen", erzählt der Falkenhainer.

Aber unter diesen Umständen, das Haus hat mittlerweile kein Fachwerk mehr und auch andere Fenster, sei ihnen das eher peinlich gewesen.
"Mitte der 60 er Jahre ist das Haus umgebaut worden. Anfang der 70 er kam auch das Strohdach runter. Die Briefmarkenleute haben wohl das Bild meines Hauses aus einem Heimatprospekt genommen, ohne vorher mal nachzusehen, wie es heute aussieht", schmunzelt Liebscher. Im selben Jahr erschien auch ein Sonderbuch zur Marke. Das sei Anlass für einen Briefmarkenfreund gewesen, das Bauernhaus in Falkenhain mal ganz aus der Nähe zu sehen. "Der kam mit dem Fahrrad und klapperte alle Häuser der Briefmarkenserie ab, quer durch Deutschland."
Letztlich gab es doch die feierliche Markenübergabe. Allerdings im Lohgerber-museum in Dippoldiswalde, da sei das Ambiente ganz passend gewesen.

1462 erwähnt

Das typische Waldhufendorf Falkenhain ist kurz nach 1400 in einem Seitental des Fallbaches entstanden. Seine erste Erwähnung als "Valkenhain" erfolgte 1462. Am Ende des 30-jährigen Krieges heißt der Ort "Falten-hain" und 1770 schreibt man den Ortsnamen "Falkenhayn". Charakteristisch für das Ortsbild sind die teils bewachsenen Steinrücken. Der gewinnbringende Bergbau der Region hat den Ort kaum berührt. Die Dorfbewohner verdingten sich in der Landwirtschaft und beim Strohflechten.
Prägend für Falkenhain sind die Fachwerkhäuser und holzverkleideten Scheunen entlang zweier Straßen, die den Ort durchziehen. 1618 entstand im Oberdorf das Erbgericht. Die Besitzer des Gutes hatten nach einer Festsetzung von 1618 das Schankrecht und die Gerichtsbarkeit inne. In der Silvesternacht 1972/73 wurde das Erbgericht ein Raub der Flammen. Gegenüber des Gutes entstand 1835 der Gasthof, der noch heute bewirtschaftet wird. 1907 wurde das Schulgebäude von Falkenhain errichtet.

Ein Blumenstrauß für
Lars Tittel
Einsatz bei Feuerwehr, Ortschaftsrat und im Internet


Es sollte mal die Jugend geehrt werden, so die Meinung vieler Falkenhainer. Eine Anerkennung verdient hätten auch das ältere Ehepaar Christa und Siegfried Krumpolt, deren Nachbarschaftshilfe im Oberdorf sehr gelobt wird. Doch gerade der selbstlose Einsatz eines jungen Mannes sei in heutiger Zeit nicht unbedingt gang und gäbe. Deshalb möchten die Falkenhainer Lars Tittel Danke sagen für sein Engagement im Ort.
Der 23-jährige ist sehr aktiv an den Geschicken des Dorfes interessiert. Richtig klasse finden es viele Falkenhainer, dass der junge Mann das Dorf auch im Internet präsentiert

hat. Das sei eine tolle Leistung,
schließlich werde Falkenhain damit weit reichend bekannt gemacht. Nach Feierabend und an Wochenenden investiert der gelernte Elektriker seine Freizeit für die Recherche und den weiteren Aufbau der Falkenhainer Internetseite. Das nötige Computerwissen hat er sich Stück für Stück selbst angeeignet. Neben seiner Tätigkeit im Ortschaftsrat ist Lars Tittel auch Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr von Falkenhain. Mit sechs Jahren kam er zur Jugendfeuerwehr. Mittlerweile ist er ein gestandener Feuerwehrmann, war während der Flut auch als Einsatzleiter tätig. Derzeit absolviert Lars Tittel eine Fachschulausbildung zum Techniker in Dresden. Doch Falkenhain hat es ihm angetan, da möchte er bleiben, sagt er. Für die Zukunft hat er sich vorgenommen, an einer Ortschronik mitzuarbeiten.

Bernd Liebscher mit dem vergrößerten Abbild einer Briefmarke von seinem Haus.
Foto: Michael Matthes

Fluterprobte Feuerwehr

Seit 1941 hat Falkenhain eine Freiwillige Feuerwehr. Zur Mannschaft gehören 30 aktive Mitgliedern, einschließlich sieben Frauen. Die Alters-abteilung zählt sieben Feuerwehrmänner. Ausrücken mussten die Feuerwehrmänner im vergangenen Jahr häufig. Während der Sturmtage sind sie sieben Mal im Einsatz gewesen. Und alle Hände voll zu tun hatten sie während der Flut. "Wir mussten in Falkenhain und Waldidylle zahlreiche Keller auspumpen", erinnert sich Wehr-Mitglied Lars Tittel. Damit die Freiwillige Feuerwehr einsatzbereit bleibt, werden aller 14 Tage Dienste geschoben, im Sommer meist als Übung, im Winter als Innendienst mit Weiterbildung. Neben der Arbeit kommt aber auch der Spaß nicht zu kurz. Beim jährlichen Dorffest ist sie stets dabei, organisiert ein Seifenkistenrennen und ein Höhenfeuer, das im jährlichen Wechsel in Waldidylle oder Falkenhain statt findet.

Steckbrief Falkenhain

Falkenhain ist seit 1999 ein Ortsteil des etwa sechs Kilometer weiter südlich gelegenen Altenbergs.

Die Einwohnerzahl blieb in den vergangenen Jahren relativ konstant, liegt im Januar 2003 bei 248.

Gewerbebetriebe gibt es in Falkenhain sieben, unter anderem den Landgasthof, einen Schlüsseldienst, einen Elektromeister.
Eine Freiwillige Feuerwehr ist seit 1941 im Ort und zählt heute 30 aktive Mitglieder, darunter sieben Frauen.

Im Internet ist Falkenhain unter der Adresse www.falkenhain-online.de vertreten.

Eine Kindertagesstätte ist in der ehemaligen Schule untergebracht und begeht in diesem Jahr ihr 25-jähriges Bestehen. Zwei Betreuerinnen sorgen sich um 17 Kinder aus dem Ort und der Umgebung.

Schule als Wahrzeichen

Wahrzeichen von Falkenhain ist das 1907 errichtete Schulgebäude. Die frühere Dorfschule von 1839 unterhalb der Schmiede konnte der wachsenden Schülerzahl nicht mehr gerecht werden. Nach einem Entwurf des Baumeisters Klotz entstand somit der imposante Neubau, ausgeführt vom Baumeister Fritzsche aus Schmiedeberg. In den damals sehr modernen Schulbau mit Zentralheizung und Turnplatz gingen Kinder aus Dönschten, Falkenhain und Waldidylle. 1908 zählte man 119 Schüler. Im Jahre 1960 wurde ein Schulkombinat gemeinsam mit Johnsbach gegründet. Die Unterstufenklassen blieben in Falkenhain, die Oberschüler drückten in Johnsbach die Schulbank. Fünf Jahre später ist der Schulbetrieb in Falkenhain eingestellt worden. Fortan gingen alle Kinder nach Johnsbach. Mittlerweile beherbergt das Schulgebäude eine Kindertagesstätte, das Büro des Ortschaftsrates und zwei Wohnungen.

Pfundskerle in Lederklamotten
Dresdner und Berliner "Python-Biker" treffen sich jährlich im Erbgericht Falkenhain

"Am Anfang waren wir schon skeptisch, als die Leute in ihren Lederklamotten auf Motorrädern ankamen. Aber wir sind ins Gespräch gekommen und haben festge-stellt, dass es Pfundskerle sind. Alles gestandene Leute", erzählt Helmut Neubert. Inzwischen gehören die jährlichen Bikertreffen in Falkenhain zum festen Kulturprogramm des Ortes.
Mike John, Sohn des Gastwirtes John, hatte gemeinsam mit seinen Freunden vor zwei Jahren die Idee, im abgebrannten Erb-gericht mal ein Motorrad-fahrertreffen zu veranstalten. "Das hatte mich schon immer gereizt", erzählt er, denn das alte Gemäuer sei gemütlich und urig. Die "Python-Biker", so nennen sich die Motorradfreunde aus Dresden und Berlin, haben es angepackt und den alten Stall in Eigenleistung partytauglich hergerichtet. "Wir haben erstmal ausgemistet, sieben Couchgarnituren entsorgt und das Gelände gerodet. Dann wurden Elektroleitungen verlegt und eine Bar und eine Küche eingebaut."
In diesem Jahr treffen sich die Bikerfreunde vom 20. bis 22.Juni. Geplant sind unter anderem eine Ausfahrt und die sogenannten Bikerspiele. „Wir machen einen Wettbewerb im Motorblockweitwurf, Tonnen-schubsen und am Abend Lagerfeuer, zelten und feiern", erzählt John. Natürlich seien auch die Falkenhainer eingeladen. Und die freuen sich schon. Die Kinder dürfen mal auf dem Motorrad mitfahren, und die Großen feiern mit.
Mit aus Schrotteilen kunstvoll hergestellten Pokalen prämieren die Motorradfans ihre Maschinen und deren Besitzer. Im vergangenen Jahr bekam eine Eigenschöpfung der Falkenhainer Feuerwehr den Pokal für das individuellste Fahrzeug.